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Beitrag vom 02.04.2025
ver.di zum Equal Pay Day: Gender Pay Gap in der Kultur weiter gestiegen
AVIVA-Redaktion
Fehlende Transparenz bei Honorarzahlungen, der Staat kürzt bei der Kultur und Unsicherheit bei Verhandlungen – all das trägt zu Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen in der Kultur bei. Frauen, die über die KSK versichert sind, verdienen 25 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Damit ist der Gender Pay Gap in der freien Kulturbranche…
… seit 2022 um 1 % angestiegen. Der gesamtgesellschaftliche Gender Pay Gap sinkt dagegen seit 2012 und liegt aktuell bei 16 %.
ver.di hat das Büro für Kulturwirtschaftsforschung (KWF) in Köln damit beauftragt, die Zahlen der Künstlersozialkasse (KSK) auszuwerten, um den Gender Pay Gap von selbstständigen Kulturschaffenden konkret zu beziffern.
Jedes Jahr melden die Mitglieder der KSK ihre Einkommen für das kommende Jahr an. Diese Meldungen werden regelmäßig überprüft und auf der Webseite der KSK veröffentlicht. Die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen lassen sich auf vier Feldern herauslesen, die verschiedene Berufe umfassen: Musik, Wort, bildende Kunst (inkl. Design) und darstellende Kunst (inkl. Film).
Höchster Anstieg des Gender Pay Gap in der Musik
Am geringsten sind die freiberuflichen Einkommen je versicherte*r Künstler*in in der Berufsgruppe Musik – und der Gender Pay Gap ist in der Branche am meisten angestiegen.
In der Musik verdienen Frauen durchschnittlich 13.583 € durch freiberufliche Tätigkeiten, ihre männlichen Kollegen 4.737 € mehr pro Jahr. Der Gender Pay Gap ist damit seit 2022 um 3 % auf 26 % gestiegen.
Gender Pay Gap unter Komponist*innen und Librettist*innen/Textdichter*innen am höchsten: Frauen erzielen nur die Hälfte des Einkommens der Männer
Erschreckend, nur 13 % der Komponist*innen in der KSK sind Frauen. Der Gender Pay Gap in diesem Beruf liegt bei 46%. Selbstständige Komponistinnen erhalten also nur knapp die Hälfte des Einkommens der Männer. Der höchste Einkommensunterschied liegt mit 53 % bei Librettist*innen und Textdichter*innen. Im künstlerisch-technischen Bereich arbeiten zu 93 % Männer, der Gender Pay Gap ist mit 31 % ebenfalls enorm hoch.
Es gibt auch männerdominierte Bereiche, in denen der Gender Pay Gap verhältnismäßig klein ist, so sind knapp 90 % der freien Musikbearbeiter*innen und Arrangeur*innen Männer, die 55 (zu 492) Kolleginnen in dem Bereich verdienen 10 % weniger als ihre Kollegen.
Sängerinnen verdienen weniger
In allen Sparten der Musik liegt der Gender Pay Gap bei Sänger*innen über dem Branchendurchschnitt, bei den Musiker*innen darunter.
Einzig unter Musiklehrkräften liegt der Gender Pay Gap mit 13 % unter dem bundesdeutschen Durchschnitt.
Darstellende Kunst mit höchstem Gender Pay Gap
Mit 34 % ist der höchste Gender Pay Gap in der Berufsgruppe darstellende Kunst und Film, bei Künstlerinnen dieser Gruppe landen 8.665 € weniger im Jahr auf dem Konto.
Einzig Tänzer verdienen geringfügig weniger als ihre weiblichen Kolleg*innen und machen mit 26 % knapp ¼ der Gruppe aus, allerdings liegt das freiberufliche Einkommen in dem Bereich deutlich unter dem der Berufsgruppe insgesamt. Auch unter Choregograf*innen und Ballett-/Tanzmeister*innen sind 75 % Frauen und der Gender Pay Gap mit 2 % ist gering.
Mode-Designerinnen verdienen im Schnitt halb so viel wie ihre Kollegen
30 % weniger Einkommen erhalten Frauen in der Bildenden Kunst und im Design-Bereich. Arme Anführer*innen der Bereich Industrie-/Mode/Textil-Designer*innen, hier verdienen die Kolleg*innen knapp halb so viel, der Gender Pay Gap im Bereiche Game-Design liegt bei 44 %.
Literatur: Hybride Erwerbstätigkeit notwendig, trotz höchster freiberuflicher Durchschnittseinkommen
Die höchsten durchschnittlichen freiberuflichen Einkommen erzielen die Kolleg*innen im Bereich Wort, (Frauen 21.629, Männer 27.360 Jahreseinkommen aus selbstständiger Tätigkeit). Die Zahl der in der Berufsgruppe Wort gemeldeten Personen ist im Vergleich zu 2022 leicht zurückgegangen. Der Gender Pay Gap ist mit 21% gleichgeblieben.
Mit 63 % sind deutlich mehr Belletristikautorinnen in der KSK, der Gender Pay Gap liegt bei 3 %. Allerdings ist das bei der KSK gemeldete Durchschnittseinkommen wie bei vielen anderen Berufen sehr gering. Aufgrund des geringen Einkommens ist anzunehmen, dass Schriftsteller*innen noch weiteren Beschäftigungsformen nachgehen.
Eine umfassende Analyse der Einkommensstruktur von Autor*innen in Deutschland hat der Verband deutscher Schriftsteller*innen (VS in ver.di) 2024 bei Michael Söndermann in Auftrag gegeben. Die Studie zeigt, der Anteil der Autor*innen, der über ein auskömmliches Jahreseinkommen verfügt, ist gering. Viele Kolleg*innen nehmen neben ihrer freiberuflichen künstlerischen Tätigkeit weitere Verdienstmöglichkeiten wahr, beispielsweise eine abhängige Beschäftigung gegebenenfalls auch in einem "fachfremden" Bereich. Dem gegenüber stehen wenige gutverdienende Autor*innen als eine extreme Minderheit. (Datenreport über das Einkommen der Autor*innen in Deutschland | Kunst und Kultur: www.kunst-kultur.verdi.de)
Teilzeitfalle auch in der Kultur?
Die unterschiedlichen Einkommen von weiblichen und männlichen Versicherten der KSK könnten auch daraus entstehen, dass Frauen weniger Erwerbsarbeit leisten als Männer. Von abhängig Beschäftigten wissen wir, dass aus strukturellen Gründen, wie der ungleichen Verteilung vor Sorgearbeit, mehr Frauen in Teilzeit arbeiten. Es ist anzunehmen, dass die Gründe bei selbstständigen Kulturschaffenden ebenfalls greifen.
Teilzeitarbeit führt zu weniger Einkommen und schlechteren Karrierechancen, damit verbunden sind die finanzielle Abhängigkeit vom Partner sowie drohende Altersarmut.
Es liegen allerdings keine differenzierten Zahlen vor, wie die Arbeitszeit in der selbstständigen Kulturarbeit verteilt ist. Es ist daher nur eine Annahme, dass auch in Kulturbranchen die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern durch Teilzeit verstärkt wird.
Nachhaltiger Kulturwandel statt zerstörende Kulturkürzungen
Durch die bundesweite Unterfinanzierung von Kultur und anstehende Kürzungen, wird Kultur nicht nur für das Publikum zum Luxusprodukt – auch Kulturschaffende müssen sich leisten können, Kultur zu machen. Das freiberufliche Einkommen je versicherte Künstlerin beträgt im Durchschnitt 17.138, das eines Mannes 22.965. Eine umfassende Finanzierung von Altersvorsorge und im Falle von Auftragslücken ist von diesem Jahreseinkommen nicht möglich.
In der freien Kultur können vor allem Menschen arbeiten, die ein finanzielles Polster haben, die keine weiteren Personen miternähren bzw. keine Sorgeverpflichtungen haben, die lange und viel arbeiten oder sich durch andere Jobs oder Finanzierungsmodelle den Unterhalt sichern.
Kulturkürzungen verstärken Konkurrenzdruck unter Kreativen und Unsicherheiten bei Honorarverhandlungen. Selbstständige Kolleginnen stellen immer wieder fest, dass es ihnen schwerfällt, zu verhandeln. Sie sind unsicher, was für Honorare sie einfordern können, lassen sich in Verhandlungen einschüchtern oder spüren Widerstand von Auftraggeberseite. All dies wird durch die Kürzungen verstärkt, Auftraggeber und teilweise auch Kolleg*innen machen diejenigen, die eine faire Bezahlung einfordern, dafür verantwortlich, dass das Geld nicht für ausreichend Projekte reiche, oder Kulturschaffende fordern im vorauseilenden Gehorsam weniger ein, damit von dem wenig Geld möglichst viel produziert werden kann.
Neben der fehlenden Anerkennung von Kultur und Kunst als Arbeit greifen geschlechtsspezifische Gründe: sexistische Strukturen in der Arbeitswelt, patriarchale Rollenvorstellungen in der familiären Sorgearbeit sowie geschlechterspezifische Sozialisation.
Es reicht nicht, Frauen für eine bessere Verhandlungsführung zu schulen. Wir brauchen tiefgreifende und strukturelle Lösungen.
Mehr Transparenz bei Honoraren und kollektive Verhandlungen
Transparenz bei Honoraren ist der erste und elementare Schritt. Nur wenn Honorare vergleichbar und ihre Berechnungen nachvollziehbar und öffentlich sind, können sie verhandelt und durchgesetzt werden. Die ver.di-Basishonorare sind der Schlüssel. Kulturschaffende erhalten große Teile ihres Einkommens über die staatliche Kulturförderung. Der Staat hat die Verantwortung, den Gender Pay Gap zu schließen.
Faire und transparente Löhne werden durch Tarifverträge ermöglicht. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat wiederholt nachgewiesen, dass Tarifverträge eine ungleiche Bezahlung verhindern. Sie gelten für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in tarifgebundenen Betrieben gleichermaßen, unabhängig vom Geschlecht.
ver.di setzt sich für kollektive Verhandlungsmöglichkeiten für Selbstständige ein. Tarifverträge schaffen nicht nur Transparenz, sondern begrenzen auch Vereinzelung und willkürliche, sexistische Bezahlung. Mit Tarifverträgen können Selbstständige angemessene Honorare etablieren und auch Regelungen zur Arbeitszeit und Altersvorsorge treffen.
Selbstständige Kreative müssen sich für kollektive Verhandlungen organisieren sowie Tarifverträge und Basishonorare als Mindeststandards einfordern.
Mehr Informationen: www.kunst-kultur.verdi.de
Pressemitteilung, ver.di Bundesverwaltung, Bereichs Kunst & Kultur Berlin, 03.03.2025